Ein ehemaliger Treffpunkt mit Saal und Bahnanschluss

Ein kleiner, längst verlassener Gasthof in einem Dorf nördlich von Döbeln – äußerlich unscheinbar, im Inneren jedoch voller Spuren vergangener Zeiten. Als ich den Gasthof Gärtitz besuchte, lagen in den Räumen noch zahlreiche alte Unterlagen. Darunter befanden sich Steuererklärungen, ein Mietvertrag aus dem Jahr 1963 und weitere Dokumente, die einen persönlichen Einblick in die Vergangenheit des Hauses ermöglichten.

Die Geschichte des Gasthofs reicht allerdings deutlich weiter zurück. Bereits um 1840 wird in historischen Aufzeichnungen ein Gasthof in Gärtitz erwähnt, der als Ausflugs- und Vergnügungsort der Döbelner beschrieben wird. Das später errichtete Gebäude mit seinem Saalanbau stammt etwa aus der Zeit um 1880 und war über viele Jahrzehnte ein wichtiger Treffpunkt im Ort.

Zum Gasthof gehörte ein großer Saal, in dem unter anderem Tanzveranstaltungen und Landkino stattfanden. Eine Besonderheit war die Lage direkt an der Bahn. Bis 1969 hielt hier die sogenannte Rübenbahn, sodass der Gasthof nicht nur für die Dorfbewohner, sondern auch für Ausflügler gut erreichbar war.

Mit der Zeit änderte sich die Nutzung. Der Saal wurde bereits Ende der 1960er-Jahre geschlossen. Anschließend trainierten dort unter anderem Radballer, später diente der Raum nur noch als Lager für Möbel. Auch ein Kindergarten und eine Bibliothek waren zeitweise im Gasthof untergebracht. Nach dem Tod des letzten Besitzers in den 1980er-Jahren wurde das Gebäude schließlich nicht mehr genutzt.

Als ich den verlassenen Gasthof besuchte, war der Verfall bereits deutlich sichtbar. Besonders der große Saal hatte stark gelitten. Der Holzboden wies bereits große Löcher auf, weshalb wir diesen Bereich nicht mehr vollständig betreten haben. Trotzdem ließen sich noch viele Details entdecken, die von der früheren Nutzung als Gasthof und Veranstaltungsort erzählten.

Besonders interessant waren für mich die zurückgelassenen Dokumente. Ein Mietvertrag aus dem Jahr 1963 und weitere Unterlagen lagen noch im Gebäude und machten die Geschichte des Ortes plötzlich sehr greifbar. Persönliche Dokumente in einem verlassenen Gebäude zu finden, vermittelt noch einmal einen ganz anderen Eindruck davon, dass hier einst ganz normale Menschen gelebt und gearbeitet haben.

Der Gasthof war zu diesem Zeitpunkt bereits Geschichte auf Zeit. Das Gebäude stand zwar noch, doch sein Ende war absehbar. 2021 wurde der ehemalige Gasthof schließlich abgerissen. Damit verschwand ein Gebäude, das über viele Jahrzehnte zum gesellschaftlichen Leben von Gärtitz gehört hatte und dessen Geschichte mindestens bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht.

Meine Fotografien dokumentieren damit einen Ort, der heute nicht mehr existiert – und bewahren zumindest einen kleinen Teil seiner Geschichte.

Wer meine Arbeit unterstützen möchte, kann mich gern bei Ko-Fi unterstützen: Bring mich dahin!

Kommentare

Kommentar von Gabriele Bujak |

Hallo,ich war gestern mal wieder in Gärtitz !Eigentlich wollte ich das Erdbeerland besuchen,aber dann landeten meine Erinnungen doch ganz woanders. Ich bin 1950 dort geboren und kenne den alten Gasthof ziemlich gut.Meine Eltern lernten sich dort kennen und heirateten im Okt.1948 auch im Gasthof in Gärtitz.Meine Kindheit verbrachte ich in diesem Dorf und es gibt auch noch das Elternhaus, welches mein Großvater 1912 erbaute.Es steht gleich gegenüber der kl. Brücke oben auf der Anhöhe! Der Gasthof war immer Mittelpunkt zu Ostern ,Pfingsten usw. Auch kann ich mich an den Ballsaal erinnern.Als kl.Mädchen war ich fanz begeistert wenn sich unsere Nachbarinnen mit Ihren hübschen Kleidern,Nylonstüpfen und rotem Lippenstift dahin aufmachen.Ich selbst war wohl 1987 das letzte Mal im Gasthof!Ich könnte noch viel erzählen über Gärtitz und seine Vergangenheit um die Geschichten übers Rittergut(Berichtet damals von meiner Grossmutter)Schön sind ihre Fotos ,es hat mich gefreut sie zu betrachten.Liebe Grüsse!

Antwort von Philipp Seibt

Hallo Gabriele. Danke für die Einblicke, ist interessant zu lesen von jemanden, der das noch von früher kennt. Mittlerweile gibt es das Gebäude leider gar nicht mehr...

Kommentar von Celli |

Heute auf diese Seite verlaufen. 😊👍Nett für diesen Beitrag und diese Fotos.

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Ich bin Philipp aus Meißen und fotografiere seit einigen Jahren verlassene Orte. Verwitterte Mauern, zerbrochene Fenster und verblasste Erinnerungen - diese Orte erzählen Geschichten von einer vergangenen Zeit. Mich fasziniert die morbide Schönheit dieser Orte und die Spuren der Zeit, die sie tragen.

Mit meiner Kamera halte ich diese vergessenen Momente fest und bewahre sie vor dem Vergessen. Dabei gibt es immer ein Motto: "Nimm nichts mit, außer Fotografien und hinterlasse nichts, außer Fußspuren!".

Neben der Lost-Places-Fotografie entstehen auf meinen Reisen und Touren auch Fotografien von Städten, Landschaften, Stadien und anderen besonderen Orten.