Eine Limbacher Textilgeschichte: Schaarschmidt und die Marke Artiseda
Die ehemalige Textilfabrik Louis H. Schaarschmidt in Limbach-Oberfrohna war einer der beeindruckendsten verlassenen Orte, die ich besucht habe. Damals lag die Produktion bereits seit vielen Jahren still und das große Fabrikgebäude war dem Verfall überlassen.
Dabei war von der vergangenen Nutzung noch erstaunlich viel zu sehen. In den ehemaligen Produktionsräumen standen zahlreiche Nähmaschinen und andere Maschinen noch an ihrem Platz. Stellenweise wirkte es beinahe so, als könnte die Produktion jeden Moment wieder beginnen. Gerade die große Menge an zurückgelassenem Inventar machte den Ort für mich besonders.
Die Geschichte des Unternehmens reicht weit zurück. 1854 gründete Louis H. Schaarschmidt in Limbach eine Trikotagefabrik. Im Laufe der Jahrzehnte entwickelte sich daraus ein bedeutender Textilbetrieb. Besonders bekannt wurde das Unternehmen für kunstseidene Unterwäsche unter der Marke Artiseda. Der Name Artiseda sollte später auch während der DDR-Zeit mit dem Betrieb verbunden bleiben.
Auch das heute markante Fabrikgebäude entstand nicht auf einmal. Der ältere Teil des Komplexes stammt aus der Zeit um 1900, während der prägende Erweiterungsbau mit seiner Klinkerfassade und dem markanten Turm in den Jahren 1928/29 entstand. Der gesamte Komplex gilt als bau-, kunst- und ortsgeschichtlich bedeutendes Industriedenkmal.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Betrieb enteignet und in der DDR als VEB Untertrikotagen Artiseda weitergeführt. Später gehörte das Unternehmen zum Kombinat Trikotagen Karl-Marx-Stadt. Produziert wurden unter anderem Damen- und Kinderunterwäsche, Herrengarnituren sowie Sportbekleidung.
Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde der Betrieb privatisiert. Die Produktion lief noch einige Jahre weiter, 1998 endete die Textilproduktion am Standort endgültig. Anschließend stand das Fabrikgebäude rund zwei Jahrzehnte leer und verfiel zunehmend. Ein Teil des Gebäudes war nur unzureichend gegen Einbruch und Vandalismus gesichert.
Als ich die Fabrik besuchte, war dieser Verfall bereits deutlich sichtbar. Trotzdem war noch ungewöhnlich viel Inventar erhalten. Neben den zahlreichen Nähmaschinen fanden sich weitere Maschinen und zahlreiche Spuren der ehemaligen Produktion. Besonders interessant waren alte Unterlagen, die im Gebäude zurückgeblieben waren. Das älteste Dokument stammte aus dem Jahr 1862 und reichte damit sogar noch in die frühe Unternehmensgeschichte von Louis H. Schaarschmidt zurück.
Leider hatte auch die Textilfabrik bereits unter Vandalismus und dem Bekanntwerden des Standortes gelitten. Trotzdem war das Gebäude noch voller Motive. Die alten Nähmaschinen, Produktionsanlagen und Dokumente machten die Geschichte des einstigen Textilbetriebs unmittelbar sichtbar.
Heute sieht der Ort völlig anders aus. 2018 wurde die ehemalige Fabrik zwangsversteigert, anschließend begann die Sicherung und Sanierung des denkmalgeschützten Gebäudes. Nebengebäude und der alte Schornstein wurden zurückgebaut, während das markante Hauptgebäude erhalten blieb.
Seit dem Schuljahr 2023/24 befindet sich im sanierten Fabrikgebäude das Freie Evangelische Limbacher Schulzentrum. Aus der ehemaligen Textilfabrik ist damit wieder ein lebendiger Ort geworden. Auf mehr als 5.000 Quadratmetern lernen heute Schülerinnen und Schüler dort, wo früher unter anderem Textilien der Marke Artiseda produziert wurden.
Meine Aufnahmen zeigen damit einen besonderen Zwischenzustand: Die historische Fabrik hatte ihre ursprüngliche Nutzung bereits verloren, doch ihre Vergangenheit war noch überall sichtbar. Zwischen alten Nähmaschinen, Produktionsspuren und zurückgelassenen Unterlagen wurde die Geschichte von Schaarschmidt und Artiseda noch einmal unmittelbar erlebbar – kurz bevor das Gebäude ein völlig neues Kapitel bekam.
Wer meine Arbeit unterstützen möchte, kann mich gern bei Ko-Fi unterstützen: Bring mich dahin!
Ähnliche Beiträge
Lost-Places-Fotografie aus Meißen
Ich bin Philipp aus Meißen und fotografiere seit einigen Jahren verlassene Orte. Verwitterte Mauern, zerbrochene Fenster und verblasste Erinnerungen - diese Orte erzählen Geschichten von einer vergangenen Zeit. Mich fasziniert die morbide Schönheit dieser Orte und die Spuren der Zeit, die sie tragen.
Mit meiner Kamera halte ich diese vergessenen Momente fest und bewahre sie vor dem Vergessen. Dabei gibt es immer ein Motto: "Nimm nichts mit, außer Fotografien und hinterlasse nichts, außer Fußspuren!".
Neben der Lost-Places-Fotografie entstehen auf meinen Reisen und Touren auch Fotografien von Städten, Landschaften, Stadien und anderen besonderen Orten.
Kommentare
Kommentar von Norman |
Wurde von der Kirche gekauft und bereits zur Schule umgebaut
Kommentar von Norman |
Wird auch saniert
Einen Kommentar schreiben