Stadion Evžena Rošického – vom großen Fußballstadion zum Lost Place

Nach unserem Besuch im riesigen Strahov-Stadion ging es nur ein paar Meter weiter zum nächsten Lost Place. Direkt neben dem berühmten Velký strahovský stadion liegt das ehemalige Stadion Evžena Rošického. Heute wirkt die Anlage verlassen und vergessen: Das Spielfeld ist überwuchert, die Tribünen verfallen und die Bausubstanz zeigt deutliche Spuren des jahrzehntelangen Betriebs.

Dabei war dieser Ort über viele Jahrzehnte eine wichtige Adresse des Prager Sports. Hier fanden große Leichtathletikveranstaltungen, Pokalfinals und zahlreiche bedeutende Fußballspiele statt. Vor allem für Slavia Praha wurde das Stadion zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu einer wichtigen, wenn auch bei den Fans nicht unbedingt geliebten Heimat. Und ausgerechnet hier schrieb der Verein 2007 eines der bedeutendsten Kapitel seiner Vereinsgeschichte.

Heute ist davon kaum noch etwas zu erkennen.

Ein Stadion mit langer Geschichte

Die Geschichte des Stadions reicht weiter zurück, als der heutige Name vermuten lässt. Bereits 1926 wurde das Areal für den VIII. Všesokolský slet, das große tschechoslowakische Sokol-Turnfest, hergerichtet. Damals entstand unter anderem die erste Betontribüne. In den folgenden Jahren wurde die Anlage weiter ausgebaut und schließlich in den 1930er-Jahren zu einem großen Stadion entwickelt. 1935 wurde das Stadion offiziell eröffnet.

Ursprünglich trug die Anlage den Namen Masarykův stadion, benannt nach dem ersten Präsidenten der Tschechoslowakei, Tomáš Garrigue Masaryk. Im Laufe der Jahrzehnte änderte sich der Name mehrfach. Unter anderem war das Stadion als Staatsstadion, Stadion der Tschechoslowakischen Armee und später als Stadion Evžena Rošického bekannt.

Seinen heutigen Namen erhielt es zu Ehren von Evžen Rošický, einem tschechischen Leichtathleten und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, der 1942 von den Nationalsozialisten ermordet wurde.

Ursprünglich war die Anlage wesentlich größer als das Stadion, das man heute kennt. Im Laufe der Jahrzehnte wurde sie mehrfach umgebaut und modernisiert, wodurch sich auch die Kapazität immer weiter verringerte. Zuletzt standen rund 19.000 Plätze zur Verfügung.

Zehntausende Zuschauer auf dem Strahov

Wie groß das Stadion früher tatsächlich war, wird erst deutlich, wenn man sich die Zuschauerzahlen vergangener Jahrzehnte anschaut.

Besonders beeindruckend war das Prager Derby zwischen Sparta und Slavia. Im September 1965 kamen 50.105 zahlende Zuschauer zu diesem Duell auf den Strahov – ein historischer Besucherrekord für das Stadion in dieser Zeit. Noch größere Kulissen gab es allerdings bereits in den 1930er-Jahren: Beim Finale des Mitropapokals zwischen Sparta Prag und Ferencváros sollen 1935 rund 55.000 Zuschauer im Stadion gewesen sein. Ein Jahr später waren es beim Finale gegen Austria Wien sogar rund 60.000 Zuschauer.

Auch die tschechoslowakische Nationalmannschaft spielte hier vor riesigen Kulissen. Das Stadion war damit lange Zeit weit mehr als nur eine Heimstätte für einen einzelnen Verein.

Später wurde die Kapazität aufgrund verschiedener Umbauten und Modernisierungen deutlich reduziert. Von den gewaltigen Zuschauerzahlen vergangener Jahrzehnte war damit irgendwann nichts mehr übrig.

Auch Leichtathletik-Geschichte wurde hier geschrieben

Fußball war allerdings nicht der einzige Sport, der das Stadion prägte.

Das Stadion Evžena Rošického war lange Zeit eine bedeutende Leichtathletik-Arena. 1978 fanden hier die Europameisterschaften der Leichtathletik statt. Außerdem war der Strahov über viele Jahre Austragungsort des internationalen Leichtathletik-Meetings, das zunächst als Evžen-Rošický-Memorial und später als Josef-Odložil-Memorial bekannt war.

Die Leichtathletikbahn ist heute noch vorhanden. Inmitten des verlassenen Stadions wirkt sie inzwischen allerdings eher wie ein Relikt aus einer vergangenen Zeit.

Slavia Praha zieht auf den Strahov

Für Fußballfans besonders interessant wurde das Stadion ab dem Jahr 2000.

Das alte Stadion von Slavia Praha im Stadtteil Vršovice entsprach damals nicht mehr den Anforderungen für Erstligaspiele und internationale Begegnungen. Während auf dem Gelände des späteren Eden-Stadions die neue Arena geplant beziehungsweise gebaut wurde, musste Slavia für mehrere Jahre ausweichen.

Die neue Heimat wurde das Stadion Evžena Rošického.

Von 2000 bis 2008 trug Slavia hier seine Heimspiele aus. Für den Verein begann damit eine achtjährige Zeit auf dem Strahov. Bei vielen Anhängern war dieses „Exil“ nicht besonders beliebt – unter anderem wegen der Lage und der Atmosphäre in dem großen Leichtathletikstadion. Trotzdem wurde hier ein äußerst wichtiger Abschnitt der Vereinsgeschichte geschrieben.

Und Slavia war nicht der einzige Fußballverein, der das Stadion nutzte.

Auch Sparta Praha trug hier am Ende der Saison 2000/01 einige Heimspiele aus, während im eigenen Stadion ein beheizbarer Rasen installiert wurde. Viktoria Žižkov nutzte das Stadion für seine Europapokalspiele, anschließend waren unter anderem Sparta Krč, die zweite Mannschaft von Sparta Praha, Bohemians Praha, Bohemians 1905, SK Kladno, Dukla Praha, FK Olympia Praha und Slavoj Vyšehrad hier zu Hause.

Das Stadion war damit zeitweise eine Art Ausweich-Heimstätte für einen erstaunlichen Teil des Prager Fußballs.

Pokalfinals und große Spiele

Eine weitere Besonderheit des Stadions waren die zahlreichen Endspiele des tschechischen Pokals. Seit der Auflösung der Tschechoslowakei wurde das Stadion regelmäßig als neutraler Austragungsort genutzt.

Allein zwischen 1994 und 2004 fanden dort zahlreiche Pokalfinals statt. Auch 2006/07 wurde das Endspiel zwischen Sparta Praha und FK Jablonec hier ausgetragen – Sparta gewann mit 2:1. Bereits in den Jahren zuvor hatten unter anderem Slavia, Sparta, Viktoria Žižkov, Slovan Liberec und Teplice im Pokalfinale im Stadion gespielt.

Damit war das Stadion über Jahre hinweg eine der wichtigsten neutralen Fußballbühnen Tschechiens.

Doch die wohl bekanntesten Abende in der jüngeren Geschichte gehören eindeutig Slavia Praha.

2007: Slavia schreibt Champions-League-Geschichte

Der Höhepunkt kam in der Saison 2007/08.

Slavia hatte sich zuvor noch nie für die Gruppenphase der UEFA Champions League qualifiziert. In der dritten Qualifikationsrunde wartete mit Ajax Amsterdam ein europäischer Traditionsverein.

Im Hinspiel in Amsterdam gelang Slavia ein überraschender 1:0-Sieg. Damit war plötzlich alles möglich.

Am 29. August 2007 kam es im Stadion Evžena Rošického zum Rückspiel. Das Stadion war ausverkauft, 17.500 Zuschauer waren dabei. Und Slavia machte die Sensation tatsächlich perfekt.

Stanislav Vlček erzielte beide Treffer für die Gastgeber. Ajax kam zwar zwischenzeitlich durch Luis Suárez zum Ausgleich, doch in der 86. Minute traf Vlček erneut und sorgte für einen 2:1-Sieg.

Slavia hatte damit erstmals in der Vereinsgeschichte die Gruppenphase der Champions League erreicht.

Wenn man heute auf den verfallenen Rasen blickt, ist es fast surreal, sich vorzustellen, dass genau hier dieser historische Abend stattfand.

Arsenal, Sevilla und Steaua auf dem Strahov

Damit war die Geschichte allerdings noch nicht vorbei.

In der Gruppenphase bekam es Slavia mit Arsenal, Sevilla und Steaua Bukarest zu tun. Und alle drei Mannschaften gastierten im Stadion Evžena Rošického.

Den Anfang machte am 19. September 2007 das Spiel gegen Steaua Bukarest. Slavia gewann vor rund 19.000 Zuschauern mit 2:1. Damit feierte der Verein ausgerechnet bei seinem ersten Heimspiel in der Champions-League-Gruppenphase den ersten Sieg.

Am 7. November folgte das wahrscheinlich bekannteste Spiel.

Slavia Praha – Arsenal FC.

Die Londoner waren damals mit zahlreichen internationalen Stars gespickt. Das Hinspiel in London hatte Slavia wenige Wochen zuvor mit 0:7 verloren. Im Rückspiel auf dem Strahov sah die Sache allerdings völlig anders aus.

Vor 18.000 Zuschauern erkämpfte sich Slavia ein 0:0. Arsenal konnte die Partie nicht gewinnen und musste sich mit einem Punkt begnügen. Die ausverkaufte Atmosphäre im Stadion wurde damals auch von der UEFA ausdrücklich hervorgehoben.

Nur etwas mehr als einen Monat später kam mit Sevilla FC der nächste europäische Hochkaräter nach Prag. Am 12. Dezember 2007 gewann Sevilla mit 3:0. Rund 11.700 Zuschauer sahen die Partie.

Slavia beendete seine erste Champions-League-Saison schließlich mit einem Sieg, zwei Unentschieden und drei Niederlagen. Der historische Erfolg gegen Ajax und die anschließenden Heimspiele gegen Steaua, Arsenal und Sevilla machten das Stadion endgültig zu einem besonderen Ort der jüngeren Vereinsgeschichte.

Vom Fußballstadion zum Lost Place

Heute ist davon kaum noch etwas zu erkennen.

Nach dem Umzug von Slavia in das neu errichtete Eden-Stadion 2008 verlor das Stadion zunehmend an Bedeutung. Zwar wurde es weiterhin von verschiedenen Vereinen genutzt, doch die großen internationalen Abende waren vorbei.

In den folgenden Jahren spielten hier unter anderem noch kleinere Prager Vereine und Nachwuchsmannschaften. Die Zuschauerzahlen lagen allerdings meist weit unter dem Fassungsvermögen der großen Arena.

Irgendwann war auch diese Zeit vorbei.

Im Dezember 2022 wurde das Stadion wegen erheblicher Mängel an der Stahlkonstruktion geschlossen. Eine weitere Nutzung war aus Sicherheitsgründen nicht mehr möglich. Eine Sanierung wäre mit einem erheblichen finanziellen Aufwand verbunden gewesen.

Seitdem verfällt die Anlage immer weiter.

Das Spielfeld ist inzwischen komplett verwildert. Pflanzen wachsen über die Laufbahn und in Richtung Tribünen, Sitzplätze und Betonflächen sind verwittert und beschädigt. Die einstigen Eingänge und Stadionbereiche wirken verlassen und teilweise stark heruntergekommen.

Mein Besuch im verlassenen Stadion

Nach unserem Besuch im großen Strahov-Stadion wollte ich mir natürlich auch das Stadion Evžena Rošického genauer ansehen.

Eigentlich ist das Gelände inzwischen nicht mehr öffentlich zugänglich. Irgendwie findet sich bei solchen Lost Places aber dann doch immer eine Möglichkeit, zumindest einen Blick hineinzuwerfen – und so konnten wir tatsächlich einen Eindruck vom Inneren bekommen.

Der erste Blick ins Stadion war ziemlich surreal.

Wo früher zehntausende Zuschauer standen, ist heute fast nur noch Ruhe. Das Spielfeld ist überwuchert, die Tribünen wirken verlassen und die gesamte Anlage vermittelt den Eindruck, als hätte man sie vor Jahren einfach sich selbst überlassen.

Gerade wenn man die Geschichte des Stadions kennt, wirkt das Ganze noch beeindruckender.

Hier feierte Slavia den historischen Einzug in die Champions League. Hier spielten Ajax, Arsenal und Sevilla. Hier fanden Pokalfinals statt. Hier sahen zehntausende Zuschauer die großen Prager Derbys. Und heute wächst Gras auf dem Spielfeld, während die Tribünen langsam zerfallen.

Genau dieser Gegensatz macht den Ort für mich so faszinierend.

Das Ende ist absehbar

Viel Zukunft dürfte dem Stadion allerdings nicht mehr bleiben.

Das Gelände soll neu entwickelt werden. Die großen Pläne für den Strahov sehen eine neue Fußballarena mit einer Kapazität von rund 35.000 Zuschauern vor. Damit könnte an diesem geschichtsträchtigen Ort irgendwann wieder ein modernes Fußballstadion entstehen.

Das wäre dann allerdings ein völlig anderes Stadion.

Der alte Bau, der so viele Generationen von Fußball- und Sportfans erlebt hat, würde endgültig verschwinden. Für Groundhopper ist der aktuelle Zustand deshalb eine besondere Gelegenheit, einen Ground zu sehen, der schon heute nur noch als Ruine existiert.

Gleichzeitig ist es aber auch schade, einen Ort mit einer solchen Geschichte in diesem Zustand zu sehen.

Wenn man heute durch die verfallene Anlage blickt, muss man sich die großen Momente beinahe selbst vorstellen: 60.000 Menschen beim Fußball, Pokalfinals, Leichtathletik-Europameisterschaften und schließlich der Champions-League-Abend gegen Ajax, der für Slavia Praha den Weg in die Gruppenphase ebnete.

Heute ist davon fast nichts mehr zu spüren.

Nur die Tribünen, die Laufbahn und die verfallenen Betonmauern erinnern noch daran, dass hier einmal großer Sport stattfand.

Und genau deshalb war der Besuch für mich ein ganz besonderer Ground.

Wo einst Slavia Praha gegen Ajax, Arsenal und Sevilla spielte, steht heute ein Lost Place. Viel Zeit bleibt dem Stadion vermutlich nicht mehr, bevor die Abrissbirne kommt und auf dem Strahov ein neues Kapitel Prager Fußballgeschichte beginnt.

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Ich bin Philipp aus Meißen und fotografiere seit einigen Jahren verlassene Orte. Verwitterte Mauern, zerbrochene Fenster und verblasste Erinnerungen - diese Orte erzählen Geschichten von einer vergangenen Zeit. Mich fasziniert die morbide Schönheit dieser Orte und die Spuren der Zeit, die sie tragen.

Mit meiner Kamera halte ich diese vergessenen Momente fest und bewahre sie vor dem Vergessen. Dabei gibt es immer ein Motto: "Nimm nichts mit, außer Fotografien und hinterlasse nichts, außer Fußspuren!".

Neben den Lost Places zeige ich auch gelegentlich Bilder von meinen Reisen und Touren, die mich an neue und aufregende Orte führen.